Ein tief bewegender Beruf: Lagerstätteningenieur

Abb.: Um zu wissen, „was sich in der Lagerstätte bewegt“, braucht Grit Gangey die Messdaten von Bohrungen – und zur Auswertung fundiertes Fachwissen, Computer und Taschenrechner.

Grit Gangey weiß, „was sich in der Lagerstätte bewegt.“ Ohne sie kann Erdöl- und Erdgas nicht gefördert werden.

Ein Portrait von Dr. Carolina de León Schillgalies


Wie Cola aus einer geschüttelten Flasche strömt, so sprudelt Erdöl aus einer angebohrten Lagerstätte an die Oberfläche. Der Vergleich scheint naheliegend. „Er trifft es aber nicht“, widerspricht Grit Gangey, „denn bei der Erdölförderung sieht es meist ganz anderes aus.“ Und schon greift sie zu Stift und Papier. Mit wenigen Strichen skizziert sie verschiedene Gesteinsschichten, die Lagerstätte, das Bohrloch und eine Fördergarnitur. Dann spricht sie von der „Porosität und Permeabilität des Speichergesteins“, von „Dynamik“, „Fließraten“ und „lokalem Druckabfall“. Schnell wird klar, warum Grit Gangey der Vergleich nicht gefällt. Wäre Erdölförderung wirklich so einfach, bräuchte man keine Lagerstätteningenieure.

Grit Gangey ist diejenige im Team, die weiß, „was sich in der Lagerstätte bewegt“. Diese Bewegung innerhalb des Speichergesteins entsteht, so erklärt sie, durch den hohen Lagerstättendruck, der „an der Stelle nachlässt, an der wir den Trägerbereich anbohren.“ Durch den verursachten Druckunterschied bildet sich ein Sog, und das Öl fließt aus dem Gestein in Richtung der Bohrlöcher – und „manchmal sogar bis an die Erdoberfläche“, räumt Grit Gangey mit Anspielung auf die Cola-Flasche ein. „Aber“, fügt sie gleich hinzu, „der Druck unter der Ölsäule ist selten hoch genug, um das Öl über einen längeren Zeitraum nach oben zu drücken.“ Ab wann mit Hilfsmitteln wie Wasserinjektion oder Pumpen nachgeholfen werden muss, kann Grit Gangey durch die Auswertung der Testdaten einer Bohrung erkennen.

Diese Interpretation von Druck-, Volumen- und Temperaturdaten spielt eine wichtige Rolle bei der Entscheidung, ob es sich lohnt, eine neue Lagerstätte zu erschließen. „Die erwartete Tagesförderung festzulegen und eine exakte Produktionsprognose zu erstellen, ist immer eine Herausforderung“, erklärt sie. Wichtig ist dabei nicht allein, wie viel Erdöl oder Erdgas in der Lagerstätte ist, sondern „wie viel sich unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten produzieren lässt.“ Diese förderbare Menge des gefundenen Rohstoffs ist aber keine fixe geologische Größe. Die so genannten Reserven sind von vielen Faktoren wie Ölpreis oder einsetzbare Technologie abhängig, und „so kann es sein, dass eine Lagerstätte, die gestern noch als unprofitabel eingeschätzt wurde, heute wirtschaftlich ist.“

Erst wenn feststeht, dass sich die Ausbeutung des Vorkommens lohnt, erstellen die Lagerstätteningenieure einen Entwicklungsplan für die neue Lagerstätte. Grit Gangey arbeitet derzeit an einem solchen Plan für die Konzessionen der RWE Dea in Libyen. Seit die Explorationsbohrungen 2006 begonnen haben, ist sie für die Lagerstättentechnik zuständig. Anzahl, Abstand und Art der Bohrungen festzulegen, zählt dabei genauso zu ihren Aufgaben, wie die Ausarbeitung eines Produktionsprofils.

 

Bohranlage im Kufra-Becken (Libyen)

Dafür muss sie nicht notwendigerweise vor Ort sein, denn „ob ich jetzt in Libyen 2.000 Meter über der Lagerstätte stehe oder die Daten an meinem Schreibtisch in Hamburg auswerte, ist eigentlich egal.“ Dennoch kann sie sich vorstellen, auch einmal für längere Zeit mit ihrer Familie nach Nordafrika zu ziehen. Sie weiß aus ihrer Studienzeit an der Moskauer Öl- und Gas-Universität, wie aufregend es ist, sich in einem neuen Land einzuleben und eine fremde Kultur kennen zu lernen. Verständigungsprobleme hätte sie auf dem Bohrfeld in Libyen nicht, da die Arbeitssprache ohnehin Englisch ist. So spricht auch sie von „oil in place“, beschäftigt sich nicht mit der Feldentwicklungsplanung, sondern mit dem „field development planning“.

Mit der Ausarbeitung eines Lagerstättenentwicklungsplans ist es aber „noch lange nicht getan.“ Da eine Erdöl- oder Erdgasquelle 30 Jahre und länger ergiebig sein kann, begleiten Lagerstätteningenieure ein Feld von der Entdeckung bis zu seiner Aufgabe. Grit Gangey beispielsweise arbeitete jahrelang für die vor der Nordseeküste Schleswig-Holsteins gelegene Bohr- und Förderinsel Mittelplate, die den Förderbetrieb bereits vor über 20 Jahren aufgenommen hat.

 

Bohr- und  Förderinsel Mittelplate

Auf ihrem Schreibtisch steht zwischen Taschenrechner, PC und Ordnern mit Kapazitätsplanungen und Entwicklungskonzepten ein kleines Flakon mit Erdöl aus diesem größten und förderstärksten Ölfeld Deutschlands. Eine kleine Erinnerung an die Zeit, als sie Bohrungstests auswertete, Produktionsprognosen erstellte und neue Bohrungslokationen festlegte. Mit ihren Daten und Messergebnissen passte die Simulationsabteilung das dynamische Lagerstättenmodell immer wieder an. Ihre Einschätzungen und Prognosen waren auch für die Bohr- und Förderingenieure wichtig, da sie weiß, was eine Lagerstätte braucht. „Was unten passiert, bestimmt, was oben heraus kommen kann“, erläutert Grit Gangey und liefert damit gleichzeitig den Grund, weshalb es „ohne Lagerstätteningenieure nicht geht.“

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