Vielfältig, anspruchsvoll, international – Arbeiten als Geophysiker in der Mineralölbranche

Abb.: Während der Messungen auf Krummhörn: Wolfgang Hansen berät sich mit zwei Mitgliedern eines Bohrteams

Ein weiter Himmel, grüne Wiesen und Deiche, das Wattenmeer – auf der Halbinsel Krummhörn präsentiert sich Ostfriesland von seiner malerischen Seite. Das ist auch im Spätsommer 2005 nicht anders. Doch in diesem Jahr blitzt zwischen dem schwarzbunten Vieh auf den Weiden mitunter ein orangefarbener Overall oder Schutzhelm auf, und statt eines Treckers sind vielerorts kleine Bohrgeräte unterwegs, die den Eindruck erwecken, es sollten Wasserquellen erbohrt werden. Sie haben mit dem Erdgas zu tun, das tief unter den Wiesen und Weiden lagert – schon seit vielen Jahren wird in Krummhörn Erdgas gefördert. Um weitere Reserven erschließen zu können und so die sichere Versorgung Deutschlands auch in Zukunft sicherzustellen, führt ExxonMobil deshalb im Sommer 2005 großangelegte seismische Messungen durch.

„In einem Zeitraum von zwei Monaten haben wir mit 160 Mitarbeitern rund 420 Kilometer Kabel und 200.000 Geophone auf einem Areal von rund 160 Quadratkilometern ausgebracht“, erläutert Wolfgang Hansen. Der promovierte Geophysiker leitete das Projekt, in dessen Folge in Krummhörn inzwischen neue Erdgaslagerstätten erschlossen werden. „Krummhörn war sicherlich eines der wichtigsten und erfolgreichsten Projekte, an dem ich in den vergangenen Jahren beteiligt war“, erzählt der 56jährige. „Und es lässt sich gut daran zeigen, wie facettenreich der Beruf des Geophysikers sein kann.“

Planung eines Seismik-Projekts

Den seismischen Messungen selbst geht eine mehrmonatige Planungsphase voran – im Falle Krummhörn rund anderthalb Jahre. „Zunächst einmal müssen die Genehmigungen für die Aktivitäten der Erdgas- bzw. Erdölfirmen eingeholt werden,“ erklärt Wolfgang Hansen. Federführend dafür ist das Bergamt, dem das geplante Projekt detailliert vorgestellt werden muss. Am Genehmigungsverfahren sind aber auch andere betroffene Behörden beteiligt, wie Gemeindeverwaltungen, Landkreise, Wehrbereichsverwaltungen, Wasser- und Naturschutzbehörden etc., denen das Vorhaben ebenfalls erläutert werden muss. „In Krummhörn zum Beispiel war der Umweltschutz ein besonders sensibles Thema, da wir auch Flächen untersuchen wollten, die zum Nationalpark Wattenmeer gehören“, erinnert sich Hansen. „Wir haben deshalb gleich zu Beginn des Projekts ein Umweltverträglichkeitsgutachten erstellen lassen.“

Die Auseinandersetzung mit den geologischen Gegebenheiten des Gebiets und seine genaue kartographische Erfassung ist also nur ein Teil der Planungsphase eines solchen Projektes. Ebenso wichtig ist die Einschätzung seiner Auswirkungen an der Oberfläche und die Kommunikation mit den Betroffenen. Hansen steht deshalb mit den Menschen vor Ort in engem Kontakt: „Innerhalb des Unternehmens arbeite ich eng mit den Abteilungen für Unternehmenskommunikation, Wegerechte und Grundabtretungen, Einkauf, Recht, Controlling und den Fachabteilungen in unserer Upstream-Zentrale in Houston, Texas, zusammen. Extern mit Bergämtern, Naturschutzbehörden, Landvolkverbänden und Gemeinden aber auch mit den Umweltverbänden.“

Seismische Messungen durchführen

Geht es dann an die Durchführung, ist Wolfgang Hansen dafür verantwortlich, dass die Auflagen der Behörden eingehalten werden und alle Beteiligten sich an die strengen ExxonMobil Richtlinien für Arbeitssicherheit und Umweltschutz halten. „Schließlich bewegen wir uns in bewohnten Gebieten und hantieren mit hochbrisantem Sprengstoff – das Verhalten bezüglich Sicherheit und Umweltschutz muss also fehlerfrei sein.“ Der Sprengstoff wird in nur wenige Zentimeter breite Bohrlöcher von zwölf bis zwanzig Metern Tiefe eingebracht und gezündet. Der bei den Mikrosprengungen ausgesandte Schall wird an den Grenzen der verschiedenen Erdschichten zum Teil reflektiert und als Erschütterung von speziellen Mikrophonen – Geophone genannt – registriert. Aus diesen Messungen lässt sich ein sehr genaues Bild des Untergrunds gewinnen.

Ein dreidimensionales Bild des Untergrundes

Die Auswertung der mit solchen Messungen gewonnenen Daten ist so komplex, dass es dafür eigene Teams gibt. Thomas Degro, ebenfalls promovierter Geophysiker bei ExxonMobil, arbeitet schwerpunktmäßig in diesem Bereich. „Schon bei der Akquisition der Daten, wenn geplant wird wo genau, in welchen Abständen und in welcher Tiefe die Sprengungen gesetzt werden, sind wir mit dabei. Dann übernehmen wir die Auswertung der gewonnenen Daten. Zu unseren Aufgaben gehört außerdem die Vorbereitung neuer Bohrprojekte und die Bewertung bestehender Erdgasfelder. Für all das stehen uns umfangreiche Spezialsoftwarepakete und modernste Techniken zur Verfügung.“

Zu den wichtigsten dieser Techniken gehört die 3D-Visualisierung: Die Spezialisten erstellen am Computer aus den Messdaten detaillierte dreidimensionale Modelle des Untergrunds. Um eine möglichst präzise Vorstellung zu bekommen, projizieren sie diese mit derselben Technik wie in einem 3D-Kino auf eine Leinwand. „Ein bisschen ist das wie mit den dreidimensionalen Computerbildern, die beim Kaufen einer Küche erstellt werden – die 3D-Visualisierung hilft dabei, eine bessere Vorstellung davon zu bekommen, wie es an einem bestimmten Punkt unter der Erde aussieht. Irgendwo dort gibt es eine ‚Schublade’ – die Lagerstätte – an die wir herankommen wollen. Aber anders als beim Küchenkauf entscheiden wir eben nicht selbst, wo sie ist. Stattdessen versuchen wir aufgrund eines Modells der Strukturen des Untergrunds vorherzusagen, wo genau sie liegt und welche Ausmaße und Formen sie hat“, erläutert Thomas Degro.

  
Ein dreidimensionales Modell des Untergrunds: Thomas Degro und zwei Kolleginnen diskutieren im Seismikraum über im Zechsteinsalinar schwimmende Anhydritschollen (‚Floater’)  

 

Wie die Durchführung von seismischen Messungen ist auch die Auswertung der Messdaten Teamarbeit. „Besonders spannend finde ich es, ein Bohrprojekt über die gesamte Projektdauer zu begleiten – also im Idealfall von der Akquisition seismischer Daten über die Erarbeitung des Bohrvorschlages bis hin zur Inbetriebnahme einer Bohrung im Falle einer Fündigkeit,“ erzählt Degro. „Im Laufe der Jahre habe ich so sechs Erdgasbohrungen, eine Ölbohrung und vier 3D-seismische Messkampagnen mit vorbereitet und betreut. Dabei arbeite ich mit Kollegen aus den verschiedenen Fachfunktionen zusammen – Bohringenieuren, Geowissenschaftlern, Ingenieuren für Leitungs- und Anlagenbau und anderen.“ Zu einem typischen Arbeitstag gehören für den Fünfzigjährigen auch immer mehrere längere Telefonate und ein bis zwei Besprechungen, die zum Teil als Videokonferenzen mit Kollegen aus aller Welt stattfinden. Degro schätzt diese globale Ausrichtung seines Berufs sehr: „Als Angestellter eines ‚global players’ profitiere ich vom regelmäßigen Wissensaustausch mit internationalen Experten.“

Technisches Verständnis und Teamfähigkeit

Der hohe kommunikative Anteil an den Aufgaben von Thomas Degro und Wolfgang Hansen ist keine Ausnahme: „Neben einem ausgeprägten technischen Interesse und einem guten Verständnis für Mathematik und alle Naturwissenschaften ist Teamfähigkeit für einen Geophysiker sehr wichtig“, betonen beide. „Die Teams bestehen in der Regel aus mehreren Spezialisten wie Geophysikern, Geologen und Ingenieuren. Wenn man im operativen Bereich arbeitet, sollte man mit sehr vielen Leuten umgehen und sie motivieren können,“ erläutert Wolfgang Hansen. Thomas Degro, der einen Teil seiner Arbeitszeit mit der Betreuung von Berufsanfängern aus den Geowissenschaften verbringt und deren Recruiting im deutschsprachigen Raum koordiniert, fügt hinzu: „Wichtig ist außerdem die Fähigkeit zum analytischen Denken, eine gute Portion Fleiß und die Fähigkeit zum lebenslangen Lernen. Zudem wird besonders von Geophysikern, die in der Erdöl- und Erdgasbranche arbeiten, in Zukunft mehr denn je ein hohes Maß an Mobilität erwartet.“

Wer konkretes Interesse an einem Geophysik-Studium hat, sollte, so Thomas Degros Empfehlung, die Studienberatungsangebote der Universitäten in Anspruch nehmen. „Um sich ein besseres Bild von den Inhalten des Studiums machen zu können, würde ich auch die eine oder andere Anfänger-Vorlesung besuchen“, meint er. „Jobbörsen bieten die Gelegenheit, mit Firmenvertretern ins Gespräch zu kommen und sich über deren Aktivitäten und Berufs-Chancen zu informieren. Auf jeden Fall rate ich im fortgeschrittenen Stadium des Studiums zu einem Praktikum in der freien Wirtschaft, um einen Eindruck von der täglichen Arbeit eines Industrie-Geophysikers zu gewinnen.“ All dies sind Möglichkeiten, eine Vorstellung von der Vielfalt und Praxisnähe dieses Berufs- und Forschungsgebiets zu gewinnen. Gerade letztere ist es, die Thomas Degro und Wolfgang Hansen schon als Abiturienten an der Geophysik faszinierte: „Geophysikalische Forschung findet eben nicht im berühmten Elfenbeinturm statt, sondern ist ebenso konkret wie ihr Untersuchungsobjekt: die Erde.“

 


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